Fast 20 Jahre und kein Frieden in Afghanistan

Ernst­ge­mein­te War­nung am Aus­gang von Camp Wareh­ouse. Ich war nicht »embed­ded« mit der Bun­des­wehr unter­wegs und war tat­säch­lich mit Kol­le­gen dort, um Vor­rä­te aufzufüllen.

Ja, in Afgha­ni­stan haben so ziem­lich alle Hoff­nun­gen getro­gen. Die Grün­de dafür sind viel­fäl­tig. Eini­ge davon wer­den in die­sem DW-Bei­trag benannt. Aber nicht alle.

Als ich das Foto sah, dach­te ich sofort: Die ken­ne ich doch … Und tat­säch­lich, auf mein Gedächt­nis ist Ver­lass. Ich habe Dun­ja Neu­kam im Juni 2002 in Camp Wareh­ouse in Kabul vor der Lin­se gehabt. Da war sie – ihr ers­ter Ein­satz in Afgha­ni­stan – aber noch etwas jün­ger.[1]Ich selbst­re­dend auch. 😉 Auf jeden Fall ist es gut zu erfah­ren, dass sie (kör­per­lich) unver­sehrt von ihren vier »tours of duty« heim­ge­kehrt ist.[2]Ich ken­ne genug Män­ner, die dafür nicht die Eier hät­ten.

Dun­ja Neu­kam (r.) mit einer Kame­ra­din 2002 in Kabul.

Mei­nes Erach­tens gibt es wei­te­re Grün­de, war­um der Ein­satz ins­ge­samt als geschei­tert bewer­tet wer­den muss. Zum einen war zwar 2001 das Schre­ckens­re­gime der Tali­ban been­det wor­den, und das Land – ins­be­son­de­re die Haupt­stadt Kabul – atme­te auf. Aber Afgha­ni­stan in Gän­ze war nie wirk­lich befriedet. 

28. Juni 2002. Nur Mona­te zuvor wäre das undenk­bar gewe­sen. Blu­men, Froh­sinn – wer das unter den Tali­ban ver­sucht hät­te, hät­te im Gha­zi-Sta­di­on am Gal­gen geen­det oder wäre erschos­sen worden.

Im Ein­satz­ge­biet der Bun­des­wehr war es 2002 ver­gleichs­wei­se ruhig und auch die Nord­al­li­anz hat­te die Lage ganz ohne ISAF selbst im Griff, aber je wei­ter es nach Süden und Osten ging, des­to unru­hi­ger wur­de es. Ame­ri­ka­ner und auch Bri­ten kämpf­ten und bomb­ten die gan­ze Zeit – noch in Kabul konn­te man das hören – und haben die Tri­bal Area an der Gren­ze zu Paki­stan nie­mals beherrscht. Unter ande­rem auch, weil Paki­stan dar­an kein Inter­es­se hatte. 

Das bedeu­tet: Bun­des­wehr als Brunnen‑, Schul- und Brü­cken­bau­er im Nord­wes­ten und ein nach wie vor blu­ti­ger Krieg mit allen Mit­teln unter US-Füh­rung im gro­ßen Rest des Lan­des mit ganz ande­rer Ziel­set­zung – das konn­te auf Dau­er nicht funk­tio­nie­ren. Hat es auch nicht.

Im Nor­den am Pand­schir. In der Fer­ne der schnee­be­deck­te Salang-Pass. Ein wun­der­schö­nes Land. Die ISAF war hier nie. Die Rus­sen haben es erfolg­los ver­sucht. Der Fluss ist übri­gens auch im Juni ziem­lich kalt. Ich muss es wis­sen, denn ich habe drin gebadet. 

Es ist mei­nes Erach­tens auch kein Zufall, dass die Lage sich aus­ge­rech­net 2003 mas­siv ver­schlech­ter­te. Wir erin­nern uns: Der zwei­te Golf­krieg wur­de von den USA begon­nen. Deutsch­land hielt sich da zwar raus, bekam aber eben­falls die Fol­gen zu spü­ren. Die­ser mit Lügen und Pro­pa­gan­da her­bei­ge­führ­te Waf­fen­gang gegen Irak zum Sturz von Sad­dam Hus­sein hat­te mei­nes Erach­tens auch sehr nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf den Kom­plex AfPak. Und die hal­ten, nicht nur dort natür­lich, bis heu­te an.

Schul­jun­gen am Pand­schir-Fluss im Juni 2002 unweit des ehe­ma­li­gen Haupt­quar­tiers von Sheik Mas­soud. Damals atme­te das Land auf und dürs­te­te nach Bil­dung. Schu­len wur­den teil­wei­se im Zwei-Schicht-Betrieb genutzt. Was pas­siert, wenn nun die Tali­ban wie­der »ein­ge­bun­den« wer­den, lässt sich denken.

Heu­te wis­sen natür­lich Hinz und Kunz, dass alle Zie­le »zu ehr­gei­zig« und die Erwar­tun­gen »über­höht« waren und man aus dem Lauf der Din­ge ler­nen müs­se. Nur was genau? 

In man­chen Situa­tio­nen kann man sich nicht weg­du­cken. Mit dem Peters­berg-Pro­zess hat­te Deutsch­land früh Ver­ant­wor­tung über­nom­men. Das hat­te unter ande­rem auch his­to­ri­sche Grün­de. Und das muss man schon ernst­neh­men. Urtei­le in der Rück­schau sind immer bil­lig und wohlfeil.

Natür­lich stellt sich die Fra­ge, ob es die Mühen und Opfer wert war. Ich den­ke, auch in Wür­di­gung der Gesamt­la­ge damals kurz nach 9/11: Ja, man muss­te es ver­su­chen. Aber letzt­lich, mit dem Wis­sen von heu­te, kön­nen das nur die­je­ni­gen beur­tei­len, die die Last getra­gen haben – die Vete­ra­nen und deren Familien.

Anmer­kun­gen

1 Ich selbst­re­dend auch. 😉 
2 Ich ken­ne genug Män­ner, die dafür nicht die Eier hätten.

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